07. September 2026

Durchbruch unter Tage: Franz Haniels kühner Weg in den modernen Ruhrbergbau

Bevor Fördertürme das Ruhrgebiet prägten, war Kohle für Haniel vor allem Handelsware. Doch schon bald wurde sie zum Schlüsselrohstoff: für die Hüttenwerke und den industriellen Aufbruch einer ganzen Region. Aus dem Umschlag in Ruhrort, ersten Zechenbeteiligungen und Franz Haniels riskantem Vorstoß in den Tiefbergbau entstand ein Zusammenspiel aus Kohle, Eisen, Transport und Unternehmergeist. Der Durchbruch durch die Mergelschicht veränderte nicht nur Haniel, sondern auch die Zukunft der gesamten Region.

Historisches Foto eines Förderturms
Was in Ruhrort mit Handel und Umschlag begann, führte Franz Haniel Schritt für Schritt tiefer in den Bergbau: Auf der Suche nach der geeigneten Kohle für Koks und Eisenproduktion nahm er enorme technische und finanzielle Risiken in Kauf – und öffnete dem Ruhrbergbau damit eine neue Richtung.

Ruhrort: Haniels Tor zur Kohle

Ehe das Ruhrgebiet zur Montanregion wurde, war der heutige Duisburger Stadtteil Ruhrort ein Ort des Umschlags – und für die Haniels bereits ein wichtiger Ausgangspunkt ihres Handels. Der kleine Hafen an der Ruhrmündung, 1716 angelegt, verband die Kohlenreviere der Grafschaft Mark mit dem Rhein. Die Kohle, die in Ruhrort gelagert und weiterverkauft wurde, stammte aus einem noch vergleichsweise einfachen Bergbau. Der Abbau erfolgte dort, wo die Flöze am südlichen Rand des Reviers nahe an die Oberfläche traten – zunächst durch einfache Kohlengräberei, später über das Grubenwasser ableitende Stollen und Erbstollen. Es handelte sich überwiegend um Magerkohle, die sich zwar gut als Brennstoff eignete, für die Verkokung und damit die Eisenproduktion jedoch noch nicht die entscheidende Qualität besaß. Über Nachen, also flache Lastkähne für den Flusstransport, gelangte sie zur Ruhrmündung, wurde dort gelagert, weiterverladen und in Richtung Kleve, Moers, Holland oder an den Oberrhein verkauft. Für eine Region, in der Brennstoff knapp war, wurde dieser Handel schnell zu einem wirtschaftlichen Faktor.

Mit der Schiffbarmachung der Ruhr zwischen 1774 und 1780 gewann Ruhrort zusätzlich an Bedeutung. Schleusen machten den Fluss zur wichtigsten Kohlenwasserstraße ihrer Zeit. Der Umschlag wuchs, neue Lagerplätze entstanden. Als das Ruhrorter Kohlenreglement 1787 den Handel öffnete, konnten Händler Kohle direkter von den Zechen beziehen. Für Unternehmerinnen und Unternehmer in Ruhrort war das eine Chance. Aletta Haniel bemühte sich ab 1796 um eine eigene Kohlenniederlage. Franz Haniel wurden sie einige Jahre später nach wiederholten Anträgen schließlich dauerhaft zugesprochen.

Von Noot zu Haniel – frühe Wurzeln im Bergbau

Die Verbindung der Haniels zum Bergbau reicht weiter zurück, als es die bekannten Namen Zollverein und Rheinpreußen vermuten lassen. Ein früher Beleg führt in die Familie Noot, aus der Aletta Haniel stammte: Ihre Mutter, die Witwe Catharina Noot, geborene Erckenswick, tat sich 1772 mit ihren sechs Kindern und dem Unternehmer Johann Wilhelm Müser zusammen. Gemeinsam erwarben sie Anteile an der Zeche Wilhelmsbank nahe Bochum. Der Kaufvertrag verweist zudem auf eine noch ältere Beteiligung der Noots am „Hauptschlüsseler Erbstollen“. Über Franz Haniels Ehe mit Friederike Huyssen kam eine weitere Bergbauverbindung hinzu: Ihr Vater Arnold Huyssen war mit Sälzer & Neuack verbunden, der ersten Essener Tiefbauzeche, in der 1809 bereits Dampfmaschinen, Pumpen und ab 1816 auch die Verkokung von Steinkohle eine Rolle spielten.

Eisenhütten veränderten den Blick auf das „Schwarze Gold“

In Ruhrort führte der Weg zur Kohle zunächst über den Handel: Das Packhaus, das Jan Willem Noot 1756 errichten ließ, stand für Lagerung, Umschlag und Weiterverkauf. Das änderte sich, als Eisenproduktion, Maschinenbau und Transport immer enger zusammenwirkten.

Über die Spedition von Hüttenerzeugnissen kam Aletta Haniel früh mit den Eisenhütten im heutigen Raum Oberhausen in Berührung. Franz und Gerhard Haniel knüpften daran an: 1805 beteiligten sie sich an St. Antony und Neu-Essen, später entstand mit der Gute Hoffnung die Hüttengewerkschaft Jacobi, Haniel & Huyssen. Kohle war damit nicht mehr nur Ware, die bewegt und verkauft wurde. Sie wurde zunehmend zur Voraussetzung für die Eisenproduktion und damit zum Schlüssel für industrielle Wertschöpfung.

Kohle, Koks und Eisen: Franz Haniels industrielle Vision

Franz Haniel erkannte früh, dass sich die Zukunft nicht allein im Handel entscheiden würde. Seit 1803 beteiligte er sich an Zechen im Ruhrtal, darunter an der Zeche Schiffsruder in Bochum-Stiepel. In seinem Notizbuch hielt er ab 1808 Besitzverhältnisse, Verkehrslagen und Kosten fest. Den Bergbau behandelte er nüchtern und strategisch zugleich: Kohle sollte Handel und Schifffahrt stärken, vor allem aber die Versorgung der Hüttenwerke sichern. Franz Haniel verfolgte das Ziel, die Eisenhütten Schritt für Schritt von knapper werdender Holzkohle auf Koks aus Steinkohle umzustellen. Technisch war das lange schwierig, denn für die Hochöfen eignete sich nicht jede Ruhrkohle. Entscheidend war Fettkohle, die sich aufgrund ihrer Backfähigkeit zu tragfähigem Koks verarbeiten ließ. Diese Qualität war ausgerechnet dort zu finden, wo der Abbau am schwersten war: weiter nördlich, in größeren Tiefen.

Damit bekam der Zechenbesitz eine zusätzliche Bedeutung. Wer über eigene Kohle verfügte, konnte unabhängiger produzieren, besser kalkulieren und Wachstum langfristig absichern. Wer aber Zugang zu der richtigen Kohlequalität hatte, konnte den nächsten industriellen Schritt vorbereiten: Koks für Hochöfen, Eisen für Maschinen und Schienen, Transportwege für größere Märkte. Franz Haniel experimentierte über Jahre mit der Verkokung von Ruhrkohle, führte 1821 einen geschlossenen Koksofen an der Ruhr ein und baute die Koksproduktion weiter aus. Doch solange die für Hochofenkoks besonders geeignete Fettkohle unter der nördlichen Mergeldecke lag, blieb diese Entwicklung technisch begrenzt.

Der Kampf durch die Mergelschicht

Um an diese Kohle heranzukommen, musste Franz Haniel die Mergeldecke durchstoßen – eine Schicht aus Gestein, Ton und wasserreichem Schwimmsand. Dafür ging er ein technisches und finanzielles Wagnis ein: 1832 veranlasste er südlich von Essen-Borbeck das Abteufen eines eigenen Schachtes, der den Namen „Franz" erhielt.

Es war ein Kampf gegen Wasser, Schwimmsand und Zweifel. Schon nach wenigen Monaten riet ihm ein Vermessungstechniker des Essen-Werdenschen Bergamts, den Schacht aufzugeben. Der Untergrund sei grundlos, die Arbeit vergebens. Auch der Bautrupp verlor zunächst den Kampf gegen die einbrechenden Wassermassen. Franz Haniel ließ sich davon nicht beirren. Noch im selben Monat veranlasste er einen zweiten Schacht, ließ mauern, pumpen und sichern und bestellte schließlich eine Hochdruck-Dampfmaschine aus der Gutehoffnungshütte, um das Wasser zu bewältigen. Die Anlage verschlang ebenso Geld wie Geduld – im Spätsommer 1833 war der Schacht rund 54 Meter tief, ohne dass das Steinkohlegebirge erreicht war.

Erst am 27. März 1834, nach 19 Monaten Arbeit, gelang schließlich der Durchbruch. Weil das Steinkohlengebirge in rund 54 Metern Tiefe noch immer nicht erreicht war, trieben die Arbeiter von dort einen schmalen horizontalen Querschlag vor. An dessen Ende stießen sie unter dem Mergel auf ein Kohleflöz.

Der Moment wurde gefeiert: Franz Haniel lud seine Mannschaft beim Wirt Kaldenhoff ein. Die Rechnung mit Branntwein und zerbrochenen Gläsern lässt ahnen, wie groß die Erleichterung gewesen sein muss. Wirtschaftlich blieb der Schacht jedoch eine Enttäuschung. Das gefundene Flöz war zu schmal, der Schacht zu eng, ein lohnender Abbau nicht möglich. Trotzdem war der entscheidende Nachweis erbracht: Die Mergelschicht ließ sich durchstoßen. Schacht Franz wurde damit zum ersten Mergelschacht des Ruhrreviers. Was als teures und riskantes Experiment begonnen hatte, öffnete dem Ruhrbergbau eine neue Richtung – nach Norden, in größere Tiefen und zu jenen Kohlequalitäten, die für Koks, Hochöfen und die Schwerindustrie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entscheidend wurden.

Hoher Einsatz, langer Atem

Der Erfolg kam also nicht ohne Enttäuschungen – und er beruhte auf Franz Haniels persönlichem Einsatz. Nach dem Schacht Franz verfolgte er den Weg in die Tiefe auf einem benachbarten Feld weiter: Dort entstand die Zeche „Kronprinz“, die später als erste fördernde Mergelzeche des Ruhrreviers gelten sollte. Bei beiden Vorhaben trug er das Risiko weitgehend selbst, investierte erhebliche private Mittel und drängte trotz Warnungen, Rückschlägen und hoher Kosten energisch weiter. Kurzfristig blieb der Nutzen begrenzt: Die erhoffte Fettkohle wurde nicht im gewünschten Umfang erreicht, die Förderung blieb schwierig, und 1842 mussten die zusammengelegten Zechen Franz und Kronprinz stillgelegt werden. Finanziell war das zunächst ein Rückschlag. Für den Ruhrbergbau aber war der technische Beweis von kaum zu überschätzender Bedeutung.

Zollverein und Rheinpreußen: Wachstum über Generationen

Franz Haniel hatte den Bergbau inzwischen zum Kern seines unternehmerischen Denkens gemacht. Das zeigt eine Aufstellung aus dem Jahr 1842: Er hielt Anteile an 123 Zechen sowie zahlreiche Mutungen und Schürfscheine. Der Bergbau machte mit rund 410.000 Talern fast die Hälfte seines Vermögens aus. Parallel blieb er in Grubenvorständen aktiv, begleitete Genehmigungsverfahren und setzte sich auch im hohen Alter noch persönlich mit technischen und bergrechtlichen Fragen auseinander.

Aus dieser Haltung entstanden später große Bergbauprojekte wie Zollverein und Rheinpreußen. Die Zeche Zollverein trug ihren Namen nicht zufällig: Sie erinnerte an den 1834 gegründeten Deutschen Zollverein, der mit dem Wegfall der Binnenzölle den Absatzmarkt für Ruhrkohle und -eisen erheblich vergrößert hatte. Das Bergwerk entwickelte sich zu einem der bedeutendsten des Ruhrgebiets und blieb über Generationen mit der Familie Haniel verbunden. An Rheinpreußen zeigte sich, wie weit Franz Haniel zu gehen bereit war: Der linksrheinische Bergbau galt lange als unsicher. Auch hier brauchte es ein Denken über bestehende Grenzen hinaus – und viele Jahre, bis sich der Einsatz auszahlte.

Das System aus Kohle, Eisen und Verkehr

Franz Haniels Stärke lag nicht allein darin, Zechenanteile zu erwerben oder technische Risiken einzugehen. Entscheidend war, wie eng die einzelnen Geschäftsbereiche ineinandergriffen. Kohle versorgte die Hüttenwerke, die Hütten lieferten Maschinen und Ausrüstung, die Schiffe erschlossen Märkte, und der Handel machte aus Rohstoffen Wertschöpfung. Nach dem erfolgreichen Bau einer ersten großen Dampfmaschine im Jahr 1819 stellte Jacobi, Haniel & Huyssen bereits 1824 eine Fördermaschine für den Bergbau her. Technik, Produktion und Rohstoffbasis entwickelten sich bei Haniel nicht nebeneinander, sondern miteinander.

Hugo Haniel führte dieses Erbe weiter. Als rechte Hand seines Vaters begleitete er den Ausbau des Zechen- und Industriebesitzes, verhandelte über Eisenbahnprojekte und vertrat die Interessen von Bergbau, Eisenindustrie, Verkehr und Handel auch gegenüber staatlichen Stellen. Nach Franz Haniels Tod übernahm er Verantwortung in der Firma und in den Grubenvorständen wichtiger Haniel-Zechen.

Ein Erbe, das die Region geprägt hat

Die Spuren dieser Entwicklung sind im Ruhrgebiet bis heute sichtbar. Zollverein steht als UNESCO-Welterbe für die industrielle Blütezeit des Bergbaus. Rheinpreußen, die Halde Haniel und Prosper-Haniel erinnern an eine Branche, die Landschaft, Städte und Selbstverständnis der Region geprägt hat. Als auf Prosper-Haniel 2018 die letzte Schicht gefahren wurde, endete in Deutschland der Steinkohlebergbau. Die Geschichte dahinter führt jedoch weit zurück: zu Kohleplätzen in Ruhrort, frühen Zechenanteilen, mutigen Tiefbauversuchen und einem Unternehmer, der Kohle stets als Teil eines größeren industriellen Zusammenhangs begriff.

Autor

Marius Hoff

LinkedIn-Admin, Podcast-Fan und born & raised im Ruhrgebiet. Berichtet als Teil des Team Communications über spannende Entwicklungen und inspirierende Menschen aus der Haniel-Welt. Nächstes Ziel: Alle Portfoliounternehmen mit dem Rennrad besuchen.
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