18. Juni 2026
Geschäfte unter Dampf: Wie Haniel die Chancen der Industrialisierung nutzte


Die beschaulichen Anfänge im Packhaus
Als im 18. Jahrhundert die Geschäfte im Ruhrorter „Packhaus“ anliefen, lag die für die Region so prägende verflochtene Montanindustrie noch in weiter Ferne. Jan Willem Noot, Zollbeseher des preußischen Staates, hatte 1756 vor den Toren der beschaulichen Nachbarstadt von Duisburg ein Wohn- und Lagerhaus – das so genannte „Packhaus“ – bauen lassen (zur Story). Diese Investition war dem Vorfahren von Franz Haniel 15.000 Taler wert. Denn aus seiner Tätigkeit wusste Noot, dass es den hiesigen Kaufleuten an Lagermöglichkeiten für ihre Waren fehlte.


Der Handel im Packhaus lebte in dieser Zeit von so genannten Kolonialwaren wie Tee, Tabak, Gewürzen oder Baumwolle, die über den Rhein transportiert wurden. Sie erforderten eine sichere und trockene Unterbringung.


Neue Geschäftsfelder: Aletta Haniels Einstieg in den Handel mit Kohle und Eisenwaren
Jan Willem Noots Schwiegersohn Jacob W. Haniel erweiterte das Geschäft um Weinhandel und allgemeine Spedition. Die weitaus richtungsweisendere Entscheidung traf jedoch dessen Ehefrau Aletta Haniel: Nach Jacobs plötzlichem Tod übernahm sie 1782 die Unternehmensführung und erschloss ein neues Geschäftsfeld – den Handel mit Kohle und Eisenwaren.
Steinkohle prägte die Region bereits seit Jahrhunderten. Als Umschlagplatz für die Steinkohle der Märkischen Kleinzechen war der Ruhrorter Hafen am Zusammenfluss von Rhein und Ruhr günstig gelegen. Aber erst mit der Schiffbarmachung der Ruhr setzte 1789 ein gewaltiger Aufschwung ein: Die Ruhr galt seinerzeit als längste Kohlenwasserstraße Europas – mit insgesamt 16 Schleusen. 1790 übernahm J. W. Haniel seel. Wittib (Wittib = Witwe), wie das Unternehmen nach dem Tod Jacob Haniels hieß, den Absatz für die Kohlenhandlung J. G. Müser & Comp. Sieben Jahre später wurde Aletta Haniel Teilhaberin dieser Gesellschaft. Auch ihre Söhne Franz und Gerhard handelten zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereits erfolgreich mit dem „Schwarzen Gold“. Beide gründeten in jungen Jahren eigene Kohlenhandlungen und -reedereien.
Zwischen Holzkohle und Hochofen: Die Eisenhütten vor Haniels Einstieg
Neben der Steinkohle weckten Eisenwaren – und damit auch die Hüttenwerke des Umlands – das Interesse der Haniels. 1758 war im heutigen Oberhausen die erste Eisenhütte des Ruhrgebiets in Betrieb gegangen: St. Antony. Sie diente der Verhüttung des im Vest Recklinghausen abgebauten Raseneisensteins. Ebenfalls am Elpenbach, nördlich des Flusses Emscher, entstand 1781 das Hüttenwerk Gute Hoffnung – und neun Jahre später die Hütte Neu-Essen, mit deren Bau die Fürstäbtissin Maria Kunigunde vom Damenstift Essen den damals 20-jährigen Hüttenmeister Gottlob Jacobi beauftragt hatte. Hergestellt wurden dort Gusseisenwaren wie Töpfe, Kessel, Pumpen, Maschinenteile und zeitweise auch Kriegsmaterial. Zur Befeuerung der Hochöfen diente lange Zeit ausschließlich Holzkohle, denn das Wissen um die notwendige Umwandlung von Steinkohle in Koks fehlte noch.


Um 1771 hatten sich Aletta Haniels Brüder Jan Peter Noot und Diederich Walter Noot um die Erlaubnis bemüht, im Bezirk des Klosters Sterkrade Eisenstein abzubauen. Ihr Ziel, die gewonnenen Erze in einer Eisenhütte zu verarbeiten, erreichten sie allerdings erst zehn Jahre später, als Eberhard Pfandhöfer die Hütte Gute Hoffnung gründete. Aletta Haniel wiederum übernahm ab 1792 im Auftrag des Rotterdamer Handelshauses J. F. Hoffmann und Söhne die Spedition der Hüttenerzeugnisse von St. Antony und wahrscheinlich auch der Guten Hoffnung. Auf diesem Weg kamen auch Franz und Gerhard Haniel mit den Betrieben in Berührung. Begünstigend wirkte zudem eine familiäre Verbindung: Ihre Schwester Sophia Haniel heiratete 1800 den Hüttendirektor Gottlob Jacobi, der zu diesem Zeitpunkt als Teilhaber bereits die Werke St. Antony und Neu-Essen leitete.
Ein lohnendes Geschäft: Investitionen ins Hüttenwesen
Franz Haniel wurde zur treibenden Kraft hinter dem finanziellen Einstieg ins Hüttenwesen. Ein Schritt, der das Kerngeschäft der Unternehmerfamilie – den Handel und die Spedition – um eine produzierende Tätigkeit erweiterte. 1803 begann der zu jener Zeit 23-Jährige „auf die Hüttenwerke der Fürstin [Maria Kunigunde] zu reflektiren“, wie er später in seinen Memoiren schrieb. Franz Haniel stellte Berechnungen über sämtliche Kosten des Betriebs der Eisenhütten St. Antony und Neu-Essen einschließlich der Zinsen an. Dabei berücksichtigte er auch die Rohstoffpreise, Transportkosten und Gehälter. Schließlich kam er zum Schluss: Das Geschäft würde sich lohnen.
In diese Überlegungen flossen auch damalige politische Veränderungen ein. Denn mit dem „Reichsdeputationshauptschluss“, dem letzten bedeutenden Gesetz des Heiligen Römischen Reichs, waren die Territorien der Essener Fürstäbtissin Maria Kunigunde und das Lehen des Kölner Bischofs (Vest Recklinghausen) an Preußen gelangt. Das Ergebnis: Mülheim, Essen und Werden galten für Ruhrort nicht mehr als „Ausland“. Kohlen aus diesen Regionen konnten jetzt also problemlos in Ruhrort umgeschlagen werden. Zum anderen befanden sich damit alle drei Eisenhütten im Emschergebiet auf preußischem Boden. Maria Kunigunde verlor im Zuge der Säkularisation zwar ihre politisch-weltlichen Funktionen, blieb aber vorerst Miteigentümerin beider Eisenhütten. Sie hatte die Werke aus Privatmitteln finanziert. Dennoch: der fehlende Einfluss der letzten Essener Fürstäbtissin auf ihre Besitztümer im weit entfernten, ehemaligen Territorium steigerte die Chancen potenzieller Käufer.
1805 überzeute Franz Haniel seinen Bruder Gerhard vom gemeinsamen Erwerb der Anteile an den beiden Hüttenwerken. Maria Kunigunde verkaufte für 23.800 Reichstaler. Jeweils ein Viertel der Eisenhütten war bereits im Besitz des Haniel-Schwagers Gottlob Jacobi.
Gerhard und Franz Haniel intensivierten zu dieser Zeit auch ihr Engagement im regionalen Bergbau. Die Steinkohle war dabei zunächst die Rohstoffbasis für den Kohlenhandel. Aber nicht viel später verfolgten sie zusammen mit Gottlob Jacobi den Plan, Kohle gleich auf den Zechen abzuschwefeln – und damit eigenen Hochofenkoks für die Produktion in ihren neu erworbenen Hüttenwerken herzustellen.
Zusammenschluss an der Emscher: Hüttengewerkschaft und Handlung Jacobi, Haniel & Huyssen
Allmählich zeichnete sich ab, dass es mit den beiden Hüttenbetrieben allein nicht getan war. Der Konkurrenzdruck im Emschergebiet war hoch, und dauerhaft Gewinn ließe sich nur erzielen, wenn alle drei Hütten gemeinsam bewirtschaftet würden. Daher schlug Gottlob Jacobi seinen Schwägern vor, auch die dritte Hütte – „Gute Hoffnung“, aus dem Besitz von Helene Amalie Krupp – zu kaufen. Im Kaufprozess mit der Krupp-Witwe vermittelte Heinrich Huyssen, ein weiterer Schwager der Brüder Haniel. Trotz großer Differenzen über den unternehmerischen Einstieg Huyssens kam es 1808 mit dem Erwerb der Hütte Gute Hoffnung zur Gründung der Hüttengewerkschaft und Handlung Jacobi, Haniel & Huyssen (kurz: JHH). Sie war die unmittelbare Rechtsvorgängerin der späteren Gutehoffnungshütte AG (GHH) in Oberhausen.




Von Händlern zu Industriellen
Dieser Zusammenschluss markierte einen entscheidenden Wandel für die unternehmerischen Aktivitäten der Haniels. Aus Händlern wurden produzierende Teilhaber, die industrielle Prozesse aktiv gestalteten. Die drei Werke der JHH waren bis in die Mitte der 1820er Jahre die einzigen Eisen produzierenden Hütten des Ruhrgebiets.
Die Hütte Gute Hoffnung stellte bereits früh Gussteile für den Bau von Dampfmaschinen her, ehe sich die JHH in der Folge selbst zum Maschinenbauunternehmen weiterentwickelte. Mit der Produktion von Dampfmaschinen und -schiffen, Lokomotiven, Eisenbahnschienen und Brücken leistete sie einen wichtigen Beitrag zur Industrialisierung des Ruhrgebiets und darüber hinaus.
Mut zur Transformation: Das Erbe von Franz, Gerhard und Aletta Haniel
Franz Haniel nahm dabei Zeit seines Lebens eine zentrale Rolle ein. Ebenso technisch wie betriebswirtschaftlich ambitioniert, blickte der Unternehmer mit großen Interesse nach England, wo Stahl effizient dank Steinkohlenkoks gewonnen wurde und Dampfmaschinen bereits den Ton angaben. Vom heimischen Ruhrort aus schuf er derweil ein vertikal und horizontal ausgebautes Konglomerat, das von der Rohstoffgewinnung bis zum Transport und Verkauf der Produkte alle Stufen der Wertschöpfungskette abdeckte. Sowohl in ihren eigenen Handelsfirmen als auch in der gemeinschaftlichen JHH reagierten Franz und Gerhard Haniel flexibel auf neue Rahmenbedingungen – und mit dem Mut, wirtschaftliche Opportunitäten zu nutzen. Gemeinsam mit ihrer Mutter Aletta legten sie auf diese Weise den Grundstein für die erfolgreiche Transformationsgeschichte des Unternehmens.




