10. Februar 2026
270 Jahre Haniel – Der Anfang liegt im Packhaus


Das 18. Jahrhundert an der Ruhrmündung: Ruhrort wuchs – gegen Widerstände
Bereits 1748 bemühten sich drei Ruhrorter Bürger erstmals um die Genehmigung, außerhalb der Stadtmauern zu bauen: Bürgermeister und Zollbeseher Jan Willem Noot (Großvater von Franz Haniel), der Wirt Wilhelm von Hees und der Schiffbaumeister Hermann Nienhaus. Die Grundstücke lagen „außerhalb Ruhrorts, jedoch dichte bey in der Gegend, wo die Schiffe gebaut werden“ – auf preußischem Domänenland (= in Besitz des Staates oder des Landesherren) nahe dem ehemaligen Ruhrorter Kasteel.


Doch die Pläne stießen auf Widerstand. Besonders die Wirte der Stadt fürchteten Konkurrenz – nicht nur wegen eines vorgesehenen Wirtshauses vor den Toren der Stadt. Auch Noot plante kein Wohnhaus, sondern ein „Packhaus“. Das Wort ist dem Niederländischen entlehnt (pakhuis) und meint Lagerhaus, Lager oder Speicher. Damit hätte er ein einträgliches Nebengeschäft der Gasthäuser – Lagerhaltung und Logistik für Kaufleute – bedroht. Die zuständige Klevische Kammer nahm diese Einwände zunächst ernst und lehnte die Bauanträge ab.


Vom Antrag zur Genehmigung aus Berlin
Erst 1754 wendete sich das Blatt. Die Klevische Kammer wies die Proteste zurück und begrüßte einen erneuten Antrag, nun von fünf Ruhrorter Bürgern. Die Erweiterung der Stadt schien politisch gewollt. Im März 1755 kam schließlich das entscheidende Signal aus Berlin: Preußenkönig Friedrich II. erklärte sich mit der Bebauung der sogenannten Königlichen Gärten einverstanden. Die Bauherren schlossen daraufhin einen Erbpachtvertrag mit der Rentei Dinslaken, zuständig für die preußischen Besitzungen vor Ort. Unterzeichnet wurde dieser Vertrag am 20. Dezember 1755.
Die königliche Unterschrift als Gründerurkunde
Der entscheidende Moment folgte wenige Wochen später: Am 10. Februar 1756 bestätigte Friedrich II. in Berlin den Erbpachtvertrag offiziell. Zwar trägt das Dokument das Siegel der Klevischen Domänenkammer, doch der König unterzeichnete eigenhändig – als Eigentümer des Baugrunds. Dass Friedrich II. diese Bestätigung nicht delegierte, sondern selbst unterschrieb, verlieh dem Dokument besonderes Gewicht. Rückblickend schrieb Haniel ihm den Rang einer Gründerurkunde zu. Damit setzte sich 1756 als Gründungsjahr durch – nicht wegen einer Firmeneintragung, sondern wegen eines konkret belegbaren, unternehmerischen Anfangs.


Erst später: Haniel im Namen
Jan Willem Noot errichtete ein großes Kontor- und Lagerhaus, das zugleich als Wohnhaus diente. Er investierte mehr als 15.000 Reichstaler – offenbar aus eigener Tasche. Das Packhaus war als private wirtschaftliche Unternehmung gedacht, nicht als Teil seiner amtlichen Tätigkeit. Ob Noot selbst über die Lagerhaltung hinaus Handel betrieb, ist nicht belegt. Wahrscheinlich war es sein Schwiegersohn Jacob Wilhelm Haniel, der hier als erster Speditionskaufmann tätig wurde.
Der Name Haniel taucht also nicht sofort auf. Erst 1772 verlegte Jacob Wilhelm Haniel sein Handels- und Speditionsgeschäft von Duisburg in das inzwischen leerstehende Packhaus in Ruhrort. Damit wurde der Ort dauerhaft zum Stammsitz. Von hier aus betrieb Haniel Wein-, Holz- und „Kolonialwarenhandel“, Spedition und Kommissionsgeschäfte – ebenso wie den Export regionaler Produkte wie Textilien und Eisenwaren.
Nach dem Tod Jacob Wilhelm Haniels im Jahr 1782 führte seine Ehefrau Aletta Haniel die Speditionshandlung unter dem Namen J. W. Haniel seel. Wittib (= Witwe) fort.
Hätte man auch anders zählen können?
Im Laufe der Geschichte wurden auch alternative Gründungsdaten diskutiert, darunter:
- 1757/1758: Beginn von Handels- und Speditionsgeschäften Jacob W. Haniels in Duisburg
- 1772: Übernahme des Ruhrorter Packhauses durch Jacob W. Haniel
- 1800/1802: Einstieg von Franz und Gerhard Haniel in den Kohlenhandel
- 1809: Entstehung einer eigenständigen Firma Franz Haniel
- 1917: Gründung der Franz Haniel & Cie. GmbH


Doch alle diese Daten markieren entweder Weiterentwicklungen bestehender Familiengeschäfte oder spätere rechtliche Formen. Zudem arbeitete Jacob W. Haniel 1757 noch mit seinem Schwager Bernhard Bongart zusammen. So erschien 1756 mit dem Bau des Ruhrorter Packhauses als das überzeugendste Gründungsjahr – dokumentiert und besiegelt durch den preußischen König.
Kontinuität über Jahrhunderte
Schon 1856 feierte Franz Haniel das hundertjährige Bestehen seines Unternehmens, 1956 folgte das zweihundertjährige. Trotz aller Wandlungen ist eines konstant geblieben: der Ursprung in Ruhrort.


Das Packhaus ist nicht nur ein Gebäude. Es markiert den Beginn unternehmerischen Handelns und wurde so zur Keimzelle der Franz Haniel & Cie. GmbH, die sich bis heute in Familienbesitz befindet. Hier wurde der Grundstein für inzwischen 270 Jahre Unternehmertum gelegt – und als Haniel Museum erzählt das Packhaus diese Geschichte weiter.
