Verantwortung

Deutsche Sprache, schwere Sprache

28.09.2018

Im Ruhrorter Schifferkinderheim lernen junge Flüchtlinge die Grundlagen der deutschen Sprache – unter anderem mit Hilfe von Haniel. 

Es ist Montag, kurz vor 18 Uhr. Der Weg durch das Schifferkinderheim Nikolausburg führt in die zweite Etage, vorbei an Wohnräumen und spärlich geschmückten Fluren. In der kleinen Durchgangsküche duftet es nach frisch aufgebrühtem Kaffee. Dahinter warten vier Jugendliche vor einer verschlossenen Tür. „Du bist zu spät!“, ermahnt einer von ihnen in gebrochenem Deutsch die 23-jährige Sozialpädagogik-Studentin Zarah Altenberg. Sie unterstützt die Wohngruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge.

Nachdem 2016 knapp 36.000 Minderjährige ohne Angehörige nach Deutschland flüchteten, waren es 2017 noch rund 9.000 Minderjährige. Sie gelten in Deutschland als besonders schutzbedürftig und werden von den Jugendämtern in Obhut genommen, bevor sie in Pflegefamilien oder Kinderheimen untergebracht werden. Das Schifferkinderheim bietet auf 170 Quadratmetern Platz für sieben unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Das einstige Internat für schulpflichtige Kinder von Binnenschiffern ist heute eine von der Caritas betriebene Einrichtung mit einem breit gefächerten Angebot für Kinder, Jugendliche und ihre Familien. Mit der Gruppe „Leuchtturm“ beteiligt sich das Schifferkinderheim an der Integration geflüchteter Jugendlicher. Heute steht Deutschunterricht auf dem Plan. Diejenigen, die schon länger in Deutschland sind, bekommen Unterricht für Fortgeschrittene. Alfa, Omar, Mamadou und Mali zählen noch zu den Anfängern.

Kaum öffnet sich die Tür, setzen sich die vier aus dem westafrikanischen Guinea stammenden Jugendlichen an den großen Tisch in der Mitte des gefliesten Unterrichtsraums. Durch die großen Fenster scheint die Abendsonne in den hellgelb gestrichenen Raum, in dem antike Sekretäre die Arbeitsmaterialien aufbewahren. Die Schüler legen ihre Handys auf den Tisch, „die digitalen Wörterbücher“, wie Altenberg sie nennt. Klassische Wörterbücher haben ebenfalls ihren Platz in der Mitte des großen Tisches gefunden. 

„Ihr Lieben, wir fangen an“, sagt Altenberg. Sie verteilt Arbeitsblätter an die 15- bis 17-Jährigen. Mit gerunzelter Stirn lesen die Jugendlichen den Text darauf. Hin und wieder schweifen ihre Blicke in den Raum. „Die Sprache zu lernen ist der erste und wichtigste Schritt, um in Deutschland eine Chance zu haben“, sagt Altenberg. Deshalb gibt sie hier zwei Mal in der Woche Unterricht für die Anfänger – montagsabends und samstagmorgens. „Es ist keine Pflicht teilzunehmen, aber die meisten sind jedes Mal dabei“, erklärt sie. Selbst kurz vor ihrer Examensprüfung lässt sich Altenberg nicht davon abhalten, für die Jugendlichen Lehrpläne und Übungsblätter zu erstellen. Die Wörterbücher und andere Arbeitsmaterialen stiftete Haniel dem Schifferkinderheim. „Darüber sind wir sehr dankbar“, sagt Altenberg.

„Du bist krank und erhältst von deinem Arzt ein Rezept“, schreibt Omar an das Flipchart. Mamadou schlägt „Rezept“ in einem der Wörterbücher nach. Zu seiner Verwirrung muss er feststellen, dass dieses Wort im Deutschen mehrere sehr unterschiedliche Bedeutungen haben kann. „Deutsch ist für Nichtmuttersprachler eine sehr schwere Sprache mit vielen Stolpersteinen“, sagt Altenberg. „Rezept, Bank, umfahren, vorstellen – es gibt viele doppeldeutige Vokabeln.“ Die weiteren Sätze auf dem Recycling-Papier beschreiben, was ein Rezept ist und wie man schlussendlich dadurch an Medikamente gelangt. „Quasi eine Anleitung für das Leben in Deutschland“, so Altenberg.

Denn in der Clearinggruppe der Nikolausburg können die Jugendlichen nur etwa sechs Monate bleiben. „Oft muss in dieser Zeit überhaupt erst Grundlegendes und Gesundheitsstatus geklärt werden“, sagt Altenberg. Da sie ohne Angehörige nach Deutschland kommen, muss ihre vormundschaftliche Vertretung geregelt werden. Nach diesen sechs Monaten „sollen sie sich hier zu Persönlichkeiten entwickeln und das europäischen Werteverständnis kennen­lernen“, erklärt Altenberg, „damit sie – falls sie in Deutschland bleiben dürfen – in der Schule oder dem Beruf weniger Probleme haben.“

Der Sprachunterricht ist daher sehr wichtig, aber auch etwas Anderes haben Alfa, Omar, Mamadou und Mali schnell verstanden. Sie lehnen die vorgesehene Pause anstelle von mehr Unterrichtszeit per Abstimmung ab. „So ist das hier in Deutschland, wir stimmen demokratisch ab“, wirft Zarah nach dem einstimmigen Wahlergebnis halb im Scherz ein. Nach zwei Stunden voller Konzentration und ohne Pause, freuen sich aber alle über den wohlverdienten Feierabend.

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Das Sprachförderprojekt im Schifferkinderheim ist in der oben beschriebenen Form abgelaufen. Laut Caritas trugen verschiedene Entwicklungen dazu bei, das Projekt neu zu überdenken und in abgewandelter Form wieder aufzulegen: Zum einen kommen weniger Flüchtlinge nach Deutschland, zum anderen werden die Verfahren zügiger abgewickelt, was zu einer noch kürzeren Verweildauer der Geflüchteten führt. Besonders die Situation der aus afrikanischen Ländern Geflüchteten sei aussichtsloser – das wirke sich, so die Caritas, auf deren Lerneinstellung und Integrationsbereitschaft aus. Die Arbeit mit den Jugendlichen stelle sich als zunehmend schwierig heraus, da sie direkt nach der Einreise ohne jegliche Sprachkenntnisse und mit wenig Aussicht auf schulische Bildung in die Einrichtungen kommen. Die Caritas bemüht sich, den Schwerpunkt ihrer Arbeit mit den geflüchteten Jugendlichen auf die Integration zu legen und Deutschkenntnisse, Kulturtechniken und ein gesellschaftliches Verständnis zu vermitteln. Haniel unterstützt das Projekt weiterhin.