Haniel

Von Bienen und Big Data

17.10.2019

2016. Deutschlandweit Millionen Tote durch giftige Kunststoffe. Politik und Medien schweigen weitestgehend. „Moment mal, was habe ich da denn verpasst?“, denken Sie wahrscheinlich.

Dass Sie von diesem Vorfall nichts mitbekommen haben, liegt wohl an den Opfern. Diese sind unscheinbar und klein: Honigbienen. Markus Bärmann hingegen erfährt das volle Ausmaß. Er ist Berufsimker und 2016 gehen alle seine Zucht-Bienenvölker ein, das entspricht etwa 2,5 Millionen Arbeitsbienen. Schuld hatte minderwertiges Wachs, das er im Tausch gegen sein eigenes reines Bienenwachs, in Form von sogenannten Mittelwänden, bekam. Nach langer Recherche auf eigene Faust – und Kosten – stellt sich heraus: Das Wachs stammt aus China und wurde, um Preise zu drücken, mit Kunstwachsen gepanscht, die für Bienen giftig sind. Der Schaden für Markus beläuft sich auf mehrere zehntausend Euro. Für ihn ist der Vorfall eine Zäsur. Der Imkermeister nimmt eine kurze Auszeit, reist ins Ausland und sieht sich an, wie Kollegen in anderen Ländern arbeiten. Mit vielen neuen Ideen und Klarheit kehrt er zurück: Er muss die Lösung des Problems selbst in die Hand nehmen.

Weg in die Impact Factory

Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Heike Holzum, die er über das Imkern kennengelernt hat, und dem befreundeten Paar Annika und Michael Humme, die einen Imkerei-Fachhandel führen, möchte er dem Bienensterben entgegenwirken. Weitere Unterstützung erhält er außerdem vom Deutschen Berufsimkerbund sowie den wissenschaftlichen Beratern Dr. Anton Safer und Dr. Peter Hoppe. „Eigentlich hatte ich nicht vor, eine Firma zu gründen. Erst ab Mai stand diese Entscheidung im Raum“, erzählt Markus. Bei seinen Amerika-Reisen hatte er Mittelwände, die verwendet werden, um den Wabenbau zu ordnen und zu beschleunigen, aus Bio-Kunststoff gesehen und plante zuerst einen Import aus den USA. Da dieser aus rechtlichen Gründen grundsätzlich nicht möglich ist, entschied er sich, mit einem eigenen, weiterentwickelten Typen an den Markt zu gehen. Als er das Designbüro Wilddesign aus Gelsenkirchen mit der Erstellung eines Corporate Designs beauftragte, war der Chef von seiner Idee direkt überzeugt und schickte ihn zusätzlich zum Gründungswettbewerb KUER. Zufällig war dort Impact Factory-Mitgründer Oliver Kuschel anwesend. Die Männer sind ins Gespräch gekommen und Oliver legte Markus nahe, sich doch mal zu bewerben. „Ganz knapp vor Bewerbungsschluss bin ich noch mit reingerutscht.“ Nun ist Markus als „Create-Up“ in der Impact Factory angekommen.

Eine unterschätzte Art

Nicht nur der Wachs-Skandal (Bericht ab Min. 12:30) macht Imkern zu schaffen. Wer wie Markus fast 30 Jahre im Imkerei-Geschäft ist, weiß, wie sehr sich die Rahmenbedingungen in dieser Zeit geändert haben. 30 Prozent Sterbe-Raten seien in den letzten Jahren keine Seltenheit mehr. Zum Vergleich: Zu Beginn seiner Laufbahn waren drei Prozent ein üblicher Jahresdurchschnitt. Aber erst vor kurzem sind Begriffe wie Bienen- oder Insektensterben auch in der breiteren Öffentlichkeit angekommen. „Die letzten Orang-Utans oder Delfine einer Art“ hätten als Schlagzeile eben doch noch eine andere Wirkung als das Sterben von Insekten. Dabei sind die kleinsten Glieder in der Nahrungskette oft die essentiellsten. „Bienen fungieren als 'Zeigerinsekten'. Wenn es ihnen nicht gut geht, kann man oft auch andere Umweltprobleme attestieren“, erklärt Markus.

Fehlende Lobby

Als Bienensachverständiger besteht ein weiterer Teil seines Schaffens aus der Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Es gebe keine starke Lobby. „Viele Hobby-Imker nehmen die übergestellten Probleme überhaupt nicht wahr. Käufer des gepanschten Wachses werden das Sterben sicherlich auf andere Umstände zurückgeführt haben, zum Beispiel Varroamilben-Befall oder eine schlechte Königin“, so Markus. „So bleiben die chinesischen Fake-Produkte unbemerkt im Umlauf und richten weiter Schaden an.“ Er selbst hat natürlich Anzeige erstattet und tatsächlich wurde Betrug nachgewiesen. Der Vertrieb des Fake-Produkts blieb davon unberührt: „Für fast alles gibt es in Deutschland eine Verordnung oder Norm, eine Qualitätssicherung für Bienenwachs jedoch nicht.“ Auch an anderer Stelle muss er Überzeugungsarbeit leisten: Markus ist Patent-Inhaber der Oxalsäure-Sublimation, einem Verdampfungsverfahren als Medikation gegen die für Bienen tödliche Varroa-Milbe. In anderen Ländern wird es bereits erfolgreich angewandt, eine Zulassung in Deutschland ist momentan ausstehend. Der Imker aus Schermbeck setzt sich dafür ein, dass Verfahren weitläufig zugänglich zu machen. Zur Seite steht ihm dabei Dr. Reinhard Dickhardt, ein befreundeter Imker und Apotheker.

Datensammler im Luftraum

Markus‘ Produkte – die Bio-Polymer-Mittelwände und die Oxalsäure-Sublimation – sollen in Zukunft noch etwas ermöglichen: Transparenz durch Datensammlung. Denn „Politische Vertreter der Agrarwirtschaft, unter die auch die Imkerei fällt, bekommen ihren Input von wenigen großen Playern.“ Als Beispiel führt er das deutsche Bienenmonitoring an, bei dem – ausgehend von einem großen deutschen Arznei- und Pflanzenschutzmittelhersteller – Analyse-Daten von etlichen Imkern erhoben wurden. „Am Ende wurden ihnen diese gesammelten Daten aber vorenthalten.“ Markus war selbst an verschiedenen Bieneninstituten in der Forschung aktiv. Er spricht von weiteren Fällen, bei denen er die Methodik von Studien in Frage stellt, es geht um unzureichende Schwellenwerte oder gänzlich falsche Ansätze. Nach dem Markteintritt möchte er mithilfe seiner Produkte selbst Daten erheben und allen seinen Kunden zur Verfügung stellen. Im Gegenzug kann er mit der großen Datenmenge weitreichende Phänomene entdecken und detailliert untersuchen. Momentan bezahlen Imker für einfache Diagnosen mehrere hundert Euro und können sie nur an wenigen Instituten deutschlandweit durchführen lassen. „Wir wollen diese fast monopolistischen Strukturen durchdringen und dafür sorgen, dass die Informationen öffentlich zugänglich sind – für die Imker selbst oder auch Gemeinden und Städte.“

Steckbrief

Name des Sozialunternehmens: Health4Bees

Gründer: Markus Bärmann, 55, aus Schermbeck. Imkermeister, mit der Imkerei in Kontakt seit seiner Kindheit, professioneller Imker seit 27 Jahren. Recherchen in den USA, Kanada, Nepal und Neuseeland

Produkte: Neuartige Bio-Polymer-Bauhilfe (Mittelwände), Medikationsverfahren gegen die Varroa-Milbe, System zur ganzheitlichen Datenerfassung der Bienengesundheit

Vision: Dem Bienen- und Insektensterben effektiv und holistisch entgegenwirken, Gesundheit unserer Flora und Fauna verbessern, Transparenz im Umgang mit Analyse-Daten