Haniel

Sie passten an einen Tisch

19.09.2018

Vor 100 Jahren fand die erste Haniel-Gesellschafterversammlung statt – mit drei Teilnehmern. Dabei wurde auch der erste Geschäftsbericht vorgestellt. Erfahren Sie, welche Ereignisse den beiden Premieren vorausgegangen waren.

Am 16. September 1918 um 18 Uhr tagte die erste ordentliche Gesellschafterversammlung der im Jahr zuvor gegründeten Franz Haniel & Cie. GmbH in Duisburg-Ruhrort. Alle geladenen Gesellschafter konnten sich wortwörtlich an einen Tisch setzen: Es waren schließlich nur drei (Zum Vergleich: 2017 zählte die Versammlung rund 200 Gesellschafter.). Damals kamen lediglich „juristische Personen“ zusammen, die die Muttergesellschaften des Unternehmens repräsentierten. Paul Reusch und Arnold Woltmann vertraten die Gutehoffnungshütte; Eduard Carp vertrat die familieneigenen Zechen Rheinpreußen, Zollverein und Neumühl. Sie beschlossen die Verteilung einer Jahresdividende von sechs Prozent für das erste Geschäftsjahr, das nur neun Monate gedauert hatte (Juli 1917-März 1918). Bei dieser Gelegenheit legten sie auch den ersten Geschäftsbericht der Franz Haniel & Cie. GmbH vor und erörterten ihn. Mit 26 Seiten und Deckblatt war dieser recht überschaubar (Der Geschäftsbericht 2017 umfasst 156 Seiten.). Das dünne Papier war mittels Schreibmaschine beschrieben worden, die Vermögensaufstellung fein säuberlich mit Bleistift und Lineal in Tabellenform angelegt. Buchhalternasen machten das Fälschen der Bilanz praktisch unmöglich.

Schwere Zeiten für Haniel
Der Erste Weltkrieg beeinträchtigte bei der OHG Franz Haniel & Co. sowohl den Kohlentransport als auch die Materialqualität, wie im ersten Geschäftsbericht von 1918 zu lesen ist. Viele Arbeiter standen damals als Soldaten an der Front und fehlten dementsprechend in den Zechen und Hütten. Der Geschäftsbericht führt zudem häufige Havarien der Schiffe auf, was auf einen Investitionsstau schließen lässt. Daneben machte sich in Haniels Transportgeschäft Unsicherheit über neue Wettbewerber breit: Zur damaligen Zeit regelte das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat (RWKS) den Kohlenabsatz. Es bevorzugte neuerdings Verträge mit Transportunternehmen, die organisatorisch einer Zeche angegliedert waren, weil die Zechen zum Syndikat gehörten. Haniels Kohlentransporte wurden jedoch nicht über seine Zechen abgewickelt, sondern über die OHG. Dies brachte das Unternehmen nun in eine nachteilige Position.

Seit 1870 bestand Haniel als offene Handelsgesellschaft (OHG). Gesellschafter waren fünf Kinder und ein Enkel von Franz Haniel. Das Enkelkind war Franz Haniel der Jüngere. Die drei Faktoren – Personalmangel, Investitionsstau und Wettbewerbsnachteile – machten eine Umstrukturierung der OHG dringend notwendig. Eduard Carp befürwortete eine Lösung zugunsten einer GmbH, in der der Kohlenhandel den Zechen untergeordnet werden konnte. Die Benachteiligung durch das Syndikat würde dadurch wegfallen. Großaktionär Franz Haniel der Jüngere vertrat in dieser Sache eine andere Ansicht. Bis 1917 blieb Haniel daher eine OHG. 

Eine neue Ära begann
Am 22. Juni 1917 wurde schließlich die Franz Haniel & Cie. GmbH gegründet. Diese war den „Haniel-Zechen“ Neumühl, Zollverein und Rheinpreußen sowie der Gutenhoffnungshütte unterstellt. Die Unternehmensleitung gab die Familie Haniel in die Hände von Johann Wilhelm Welker. Der erste familienfremde Manager galt nicht nur als Experte für den Kohlenhandel und -transport auf dem Rhein und kannte die Abläufe im Kohlensyndikat, sondern brachte auch die Transportfirma Piepmeyer & Oppenhorst mit ins Haniel-Portfolio. Erst mit Welker begann Haniel sich zu diversifizieren, also nicht länger nur in Kohlenabbau, -transport und Eisenverhüttung zu investieren.

Leichter Optimismus war erlaubt
Im ersten Geschäftsbericht war von der beginnenden Neuausrichtung wenig zu spüren. Wegen des noch offenen Kriegsausganges galten Investitionen, insbesondere in Westdeutschland aufgrund der Nähe zu Frankreich, als unsicher. Denn bei einer deutschen Niederlage könnten die Schiffe von den Alliierten beschlagnahmt werden. Haniel beteiligte sich zwischen Juli 1917 und März 1918 dennoch am Ausbau des Transports auf dem Mittellandkanal, half bei der Gründung der Deutschen Schiffscreditbank AG und kaufte rund ein Viertel der Oldenburgisch-Portugiesischen Dampfschiffsreederei. Haniel war daran gelegen, die Abhängigkeit vom Rhein als Haupttransportweg zu verringern. Das Unternehmen fasste daher die Flüsse Ems, Weser und Elbe als Alternativrouten für die Kohleverschiffung zu den Überseehäfen an der Nordsee ins Auge. Kanäle und Eisenbahnstrecken fungierten in dieser Hinsicht als Bindeglieder . Gleichzeitig mit der Begründung der GmbH begann Haniel allmählich auch neue Märkte in Norddeutschland zu erschließen, die potenziell größere Wachstumspotenziale boten. So blickte der erste Geschäftsbericht der Franz Haniel & Cie. GmbH trotz Kriegswirren mit leichtem Optimismus in die Zukunft.