Haniel

Mit der Demenz-Kugel zum Erfolg

01.09.2017

Vor einem Jahr wurde ichó ins Social Impact Lab Duisburg aufgenommen. Seitdem haben die vier Gründer mit ihrer technikgestützten Demenztherapie einen riesigen Sprung gemacht: vom studentischen Projekt zu Start-up. Dabei haben ihnen auch Haniel-Mitarbeiter und Gesellschafter aus der Haniel-Familie geholfen.

Auf den ersten Blick wirkt der weiße Silikonball mit den Rillen und Noppen unspektakulär, doch da steckt einiges drin: ichó hilft Menschen mit Demenzerkrankungen, ihre kognitiven und psychomotorischen Fähigkeiten zu fördern und sich so Alltagskompetenzen zu erhalten. Wie das funktioniert? Mit der darin steckenden Technik kann ichó erfassen, ob er geworfen, gefangen, gestreichelt, gedrückt oder gerollt wird und reagiert darauf: mit Klang, buntem Leuchten oder Vibrationen. Somit sind viele verschiedene Anwendungen möglich, Spiele in Einzel- oder Gruppenstunden, aber auch gezielte Förderung nach Schwerpunkt des Betroffenen.

Die Idee entstand aus einem studentischen Projekt an der Hochschule Düsseldorf. Vor einem Jahr bewarben sich die vier Gründer beim Social Impact Lab Duisburg und starteten zum 1. Juli in das Programm AndersGründer. Seitdem hat ichó einen riesigen Sprung gemacht: vom studentischen Projekt zum Start-up. Das Team hat nicht nur den Ball weiterentwickelt und verbessert, sondern auch die Herstellung professionalisiert. „Vor einem Jahr haben wir die Silikonhülle noch in der Küche selbst gegossen, über das Netzwerk des Social Impact Labs haben wir nun einen professionellen Produzenten“, erzählt Steffen Preuß, der im ichó-Team für Kommunikation und Gestaltung zuständig ist. Ende des Jahres wird die Kugel in Zusammenarbeit mit der Parität NRW in 12 Tagespflegeeinrichtungen getestet – die erste Kleinserie und letzte Evaluation, bevor das Produkt an den Markt geht. Außerdem ist das Team nun auf der Suche nach einem eigenen Labor – denn den Uni-Räumen sind sie mittlerweile entwachsen. „Ich denke nicht, dass wir ohne das Social Impact Lab und Haniel heute schon so weit wären“, resümiert Preuß. Wichtig für die Gründer waren vor allem Projektmanagement-Skills, wie Strukturen, Zeitpläne und Meilensteine und die Kontakte im Netzwerk. „Wir waren uns vorher nicht sicher, ob wir das Produkt erst fertig entwickeln sollen und dann an die Öffentlichkeit gehen oder schon mit einem Prototyp in den Markt gehen. Durch das Lab haben wir den Schritt gewagt.“ Auch die Rechtsberatung war entscheidend: „Wir sind vorher ganz falsch beraten worden und hätten sonst gar kein Patent auf unsere Technik angemeldet.“

Zu Besuch bei Haniel-Events
Durch Haniel hatte das Team viele Möglichkeiten, seine Idee vor Entscheidern zu präsentieren, zum Beispiel bei der Start-up-Messe des Leadership Lab. „Das war unser erste Messestand und wir haben dabei viel gelernt. Durch die Fragen der Führungskräfte konnten wir uns für die Altenpflegemesse besser vorbereiten“, sagt Preuß. Auch auf der Gesellschafterversammlung haben einige der Teams aus dem Social Impact Lab ihre Ideen vorgestellt. Daraus haben sich verschiedene Kooperationen ergeben. Ein Gesellschafterehepaar, das sich sowohl in der Finanz- als auch in der Pflegebranche auskennt, erarbeitete im Nachgang mit ichó einen 5-Jahres-Finanzplan mit einem Kapitalbedarf von 2,5 Millionen Euro und plant als nächsten Schritt den Einbezug in einen Venture Capital Fond.

Einladung des Institute for Human Centered Design
Gute Ideen sprechen sich rum: Obwohl das Team sich nicht selbst beworben hat, wurde ichó für zwei internationale renommierte Projekte ausgewählt. Aktuell sind die Gründer frisch zurück aus Washington D.C. Das Institute for Human Centered Design stellt anlässlich des 100. Geburtstags von John F. Kennedy im Washingtoner Kennedy Center Lösungen für soziale und Gesundheitsprobleme aus und wurde auf der Suche nach diesen auf ichó aufmerksam. Eine große Ehre, denn ansonsten ist aus Deutschland nur ein Projekt des Fraunhofer Instituts vertreten.

„Solch eine Ausstelllungsmöglichkeit ist natürlich mit viel Aufwand verbunden, der sich aber ausgezahlt hat“, erzählt Gründer Steffen Preuß. „Unsere speziell angefertigten Ausstellungs-ichó-Prototypen sind unheimlich gut aufgenommen worden und wir freuen uns sehr, dass sie durch ihre Interaktivität ein kleines Highlight in der Ausstellung darstellen. Jetzt gilt es die neuen Kontakte und gesammelten Eindrücke zu pflegen. Man ist in den Staaten mit einem vollkommen anderen Pflegesystem konfrontiert, auf das man sich entsprechend vorbereiten muss. Der Markt für neue innovative Produkte im Bereich der Betreuung und Förderung kognitiv erkrankter Menschen ist definitiv vorhanden, muss in den USA aber anders angesteuert werden.“

Ideas from Europe
Wie auch einige andere Teams aus dem Duisburger Lab war ichó außerdem für den Special-Impact-Award der KfW Stiftung nominiert. Hier reichte es zwar am Ende nicht für den Sieg, doch auf das Team wartete eine andere Überraschung. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hatte sie ausgewählt, Deutschland bei „Ideas from Europe“ zu vertreten, einem Wettbewerb der Europäischen Kommission. Dieser zeichnet Ideen aus, die Lösungen für globale Herausforderungen liefern. Ziel ist es, die Finalisten bei der Skalierung ihrer Geschäftsidee zu unterstützen. Beim Halbfinale im November im estnischen Tallinn kann sich Ichó für das Finale in Brüssel im März 2018 qualifizieren. „Das ist eine tolle Möglichkeit für uns, unser Projekt vor großem Publikum bekanntzumachen“, so Preuß. Also heißt es: Daumen drücken!