Haniel

Ein unmoralisches Angebot

02.10.2018

Im Siebenjährigen Krieg flieht Jan Willem Noot aus der Geiselhaft der französischen Besatzer ins Exil. Seine Tochter Aletta setzt sich mutig für seine Rückkehr ein – mit einem Kuss.

„Im Krieg ist die Kühnheit der beste Schachzug des Genies“, soll Napoleon einst gesagt haben. Er dachte sicherlich an militärisches Vorgehen und die Pläne eines großen Feldherrn. Doch Kühnheit zeigt sich in dieser Extremsituation auch – oder gerade – jenseits des Schlachtfeldes. So geschehen am Abend des 1. Oktober 1758 im Haus des Ruhrorter Zollbesehers Jan Willem Noot, das zum Schauplatz eines unmoralischen Angebots wurde.

Der Siebenjährige Krieg tobt in Europa und seinen überseeischen Kolonien. Als der Zollbeseher Jan Willem Noot im Februar 1756 die Erlaubnis erhält, in Ruhrort ein Packhaus zu errichten und damit den Grundstein für das heutige Unternehmen legt, steht der Kriegsausbruch kurz bevor. Im August des gleichen Jahres marschiert Preußen in Sachsen ein und macht sich dadurch viele Feinde. Duisburg und Ruhrort werden in den Konflikt hineingezogen, weil sie zum preußischen Herzogtum Kleve gehören. 50 Jahre Frieden finden damit ihr Ende. 1758 liegen die Städte bereits an vorderster Front und sind von den anderen preußischen Gebieten abgeschnitten. Preußens Gegner Frankreich und seine Verbündeten stehen auf der westlichen Rheinseite und planen den Übertritt. Insbesondere Ruhrort und dem Hafen kommen eine wichtige strategische Bedeutung zu, da die Lage am Zusammenfluss von Rhein und Ruhr es zu einem idealen Brückenkopf für weitere Vorstöße nach Osten macht. Ende April 1758 besetzt die französische Niederrheinarmee schließlich beide Städte.

Ein Amtsträger wird entführt
Die Bevölkerung muss das Militär nun „fouragieren“, also die Soldaten und ihre Pferde auf eigene Kosten verpflegen. Hinzu kommen Kriegskosten, sogenannte Kontributionen, die Städte und Länder an Frankreich bezahlen müssen. Erfüllen sie die Forderungen nicht, gehen die Besatzer militärisch gegen die Einheimischen vor. Die Städte leiden unter der Einquartierung der Soldaten: Infolge des Nahrungsmangels und eingeschleppter Krankheiten sterben viele Duisburger an der Durchfallkrankheit Dysenterie. Aufgrund des Frontlinienverlaufs kommen der Schiffsverkehr auf dem Rhein und damit die wirtschaftlichen Aktivitäten in Ruhrort zum Erliegen. Hochwasserschäden tun ihr Übriges. In ihrer Not plündern die Menschen Nahrungsmittel und Holz, wofür die Städte zusätzliche Strafgelder zahlen müssen.

Um ihren finanziellen Forderungen Nachdruck zu verleihen, nehmen die Besatzer wichtige Persönlichkeiten in Geiselhaft. So auch Jan Willem Noot, den sie schon Anfang 1758 auf die linke Rheinseite entführen. Er ist nicht nur Zollbeseher, sondern auch Ratsherr und zweiter Bürgermeister der Stadt Ruhrort. Bei einem Besuch von seiner Frau Catharina und Tochter Aletta schafft er es zu entkommen und sich in die neutralen Niederlande abzusetzen.

Damit hat niemand gerechnet
Der Oberbefehlshaber der französischen Niederrheinarmee, Louis Georges Erasme, der sechste Marquis de Contades hat in den letzten Jahrzehnten einen beispiellosen militärischen Aufstieg hingelegt und in annähernd jedem Krieg Frankreichs wichtige Positionen besetzt. Er gilt als entschlossen und raffiniert. Nach einer Schlacht bei Krefeld ist der Marquis gerade zum Maréchal de France befördert worden und inspiziert nun den Befestigungsbau in Duisburg und Ruhrort. Am Abend des 1. Oktober 1758 ist er mit einigen Offizieren zu „Gast“ im Hause Noot.


Bei dieser Gelegenheit erzählt die 16-jährige Aletta Noot den Offizieren von der Geiselhaft und dem Exil ihres Vaters. Diese ermutigen die junge Frau, den Marquis um eine sichere Rückkehr Jan Willem Noots zu bitten. Im Zuge ihrer Schulausbildung in den Niederlanden hat Aletta fließend Französisch gelernt, was ihr bei diesem Anliegen zugutekommt. Der Marquis bewilligt eine Rückkehr, stellt sie jedoch unter eine Bedingung: Er bittet darum, Aletta einen Kuss geben zu dürfen.

Was soll Aletta tun? Der Marquis ist Mitte 50, ein Fremder, ein französischer Besatzer, ein Katholik. Ihre pietistische Erziehung und die Moralvorstellungen verbieten ihr, sich von diesem Mann küssen zu lassen – auch wenn es darum geht, ihren Vater wohlbehalten nach Ruhrort zurückzubringen. Aletta Noot trifft in diesem Moment eine pragmatische Entscheidung und setzt sich über die Konventionen hinweg. Sie lässt sich vom Marquis küssen, wodurch dieser in Zugzwang gerät. Anscheinend hat Contades nicht mit Alettas Zustimmung gerechnet. Der Marquis hält sein Versprechen, wodurch Jan Willem Noot einige Monate später aus dem Exil zurückkehren kann.

Ihr Mut wirft seinen Schatten voraus

Alettas Mut zeichnete sich bereits beim Kuss des Marquis ab und zeigte sich später in ihren wirtschaftlichen Entscheidungen. So führte sie nach dem Tod ihres Mannes Jacob W. Haniel noch 27 Jahre lang dessen Speditionshandlung weiter. Ihrem Organisationstalent verdankte das Unternehmen die lukrativen Eisentransporte von den Hütten St. Antony, Gute Hoffnung und Neu-Essen nach Amsterdam. Schließlich war es ihre Beharrlichkeit, mit der sie sich gegen den Widerstand der Ruhrorter Kohlenhändler einen Kohlenlagerplatz am Hafen erstritt: Sie schrieb eine Bittschrift an niemand geringeren als den preußischen König und ihrer Bitte wurde stattgegeben. Mit Kohlen- und Eisenspedition legte sie die Grundlage für die Expansion des Unternehmens in die Montanindustrie. Dieser Wendepunkt, den maßgeblich ihre Söhne Franz und Gerhard gestalteten, wäre ohne Alettas Portfolioveränderung kaum denkbar gewesen.

Ausführliche Informationen zur Situation in Duisburg und Ruhrort während des Siebenjährigen Krieges finden sich in einem Beitrag von Lutz Voigtländer „Kontributionen, Freikorps und Douceurs. Duisburg im Siebenjährigen Krieg 1756-1763“, in: Duisburger Forschungen Bd. 47 (2001), S. 79-282.