Haniel

Der Durchbruch in Schönebeck

25.04.2019

Vor 185 Jahren durchstieß Franz Haniel erstmals die Mergelschicht. Ein Meilenstein für die Industrialisierung des Ruhrgebiets, den die Bergleute in der Gaststätte Kaldenhoff in Schönebeck gebührend mit Branntwein und Bier begossen.

Ein Pferd steht mit überkreuzten Beinen unter einem Vordach, sein Reiter lehnt sich schlafend an der Wand an, daneben ein Fass Bockbier. Diese Wandbemalung an der Gaststätte Kaldenhoff in Essen könnte eine Erinnerung an alte Zeiten sein. Denn das Haus existierte bereits im 19. Jahrhundert und die sich darin befindende Gaststätte mit ihrem dunklen Holztresen, den roten Bodenfliesen und dem ehemaligen Tanzsaal war bereits Franz Haniel ein Begriff. Eine Zeitreise:

Vor 185 Jahren legte Franz Haniel einen Meilenstein im Steinkohlebergbau: Erstmals gelang es den Bergleuten auf dem Schacht Franz in Schönebeck – damals noch zu Borbeck gehörend – die Mergelschicht zu durchstoßen. Am 26. März 1834 berichtete der dort leitende Bergmann Stölzel, dass er den „Stein“ – das Mergelgestein – nun in circa 52m Tiefe angebohrt hat. Nur einen Tag später ergänzt Stölzel euphorisch: „Es freud mier daß ich die ehre haben kann Herren Haniel die Anzeige zu machgen das wier in Kaltenhoffer boß ein Flüzt (Flöz) an gebort haben von zwei foß (2 Fuß = ca.60 cm) machtigkeit…“ Das Flöz stellt sich schließlich doch als nur etwa 30 cm mächtig heraus und erweist sich damit als nicht abbauwürdig. Dennoch wird damit ein Quantensprung für die Industrialisierung des Ruhrgebiets eingeleitet.

Durch das senkrechte Durchbohren (auch: Abteufen) der bis dahin undurchdringbaren Mergelgesteinsschicht konnte Franz Haniel von nun an die tiefer liegenden Kohleschichten erschließen. Dort lagert die qualitativ hochwertige Fettkohle, die zur Koksherstellung benötigt wird. Koks wiederum ist die Grundlage der Stahlherstellung. Im Unterschied zur Magerkohle, welche schon Jahrhunderte zuvor im Ruhrtal im Tage- oder Stollenbau abgebaut wurde, musste die Fettkohle mit senkrechten Schächten in die Erde erreicht werden.

Sobald die wasserundurchlässige Mergelschicht durchstoßen ist, fließen große Mengen des über dem Gestein lagernden Wassers in den Schacht. Dieser muss folglich permanent mittels Dampfmaschinen leergepumpt werden. Das war 1834 noch nicht kontinuierlich möglich, da die teuren – meist aus England importierten – Dampfmaschinen sehr reparaturanfällig waren. Franz Haniel zeigte mit dem Schacht Franz 1834 zwar, dass es technisch möglich war, Fettkohle zu fördern, aber der wirtschaftliche Erfolg blieb aus, da der Schacht immer wieder abgesoffen ist.

Gesoffen haben auch die Arbeiter, denn gefeiert wurde trotzdem und das gebührend: Franz Haniel mietete für den 3. April das Tanzzimmer inklusive Tanzschein der Wirtschaft „Kaldenhoff“ in der Aktienstraße in Schönebeck für sich und seine Bergleute. Laut der „Berechnung“ aus dem Jahr 1834 war es ein rauschendes Fest: „17 Kannen Brandtwein á 6 Sg., 10 Mann Kaffee á 3 Sg.“ und „noch an Brandtwein & einige zerbrochene Gläser“ hatte die Gaststätte für insgesamt 9 Thaler und 3 Silbergroschen berechnet. 17 Kannen entsprechen ungefähr 22 Litern. Hinzu kamen auch noch 137 Liter Bier sowie Kosten für Musikanten, Weißbrot und Käse – ein beachtlicher Konsum, wenn man bedenkt, dass ungefähr 30 Männer zusammenkamen. Die urige Gaststätte in der Aktienstraße 140 wird immer noch betrieben. Heute wie damals können Gäste dort auf erfolgreiche Arbeitstage anstoßen – heute mit Stauder, nicht mehr mit Bockbier.