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Haniel

Wegbereiter der Moderne

28.02.2020

Mit Eduard Carp rückte bei Haniel an der Wende zum 20. Jahrhundert ein Eingeheirateter in eine Verantwortungsposition – und stieß den ersten großen Change-Prozess bei Haniel an.

Ende des 19. Jahrhunderts. Die Industrialisierung ist in vollem Gange und verändert gesellschaftliche Strukturen maßgeblich. Zwar steht die Aristokratie gesellschaftlich noch an höchster Stelle, aber mit dem Aufkommen von Aktiengesellschaften und der immensen Produktivität der technisierten Industriebetriebe bekommt der Unternehmer einen immer höheren Stellenwert.

Auch die Familie Haniel steht im Mittelpunkt dieser Veränderungen. Durch strategische Hochzeiten mit Adelsfamilien war sie neben dem wirtschaftlichen Erfolg auch gesellschaftlich ganz oben angekommen – so sah die Unternehmensentwicklung des 19. Jahrhunderts aus. Traditionsgemäß wurden verschiedene Positionen innerhalb der Familienmitglieder aufgeteilt, wie zum Beispiel die Juristen. So soll auch Hugo Haniel (1810-1893) zum Juristen ausgebildet werden, muss sich aber durch den frühen Tod seines älteren Bruders Franz Friedrich Eduard Haniel (1807-1826) schon im Jugendalter dem operativen Geschäft widmen. Als langfristige Lösung sucht die Familie – erneut über die Heiratspolitik – Expertise von außen: Alma Haniel - eine Enkelin Franz Haniels - wird mit dem Juristen Eduard Carp liiert. Mit ihm rückt erstmals ein Außenstehender in den Kreis der Entscheidungsträger.

Urgestein niederrheinischer Unternehmer

Eduard Carp wird am 30. August 1847 in Wesel geboren. Nach seinem Jura-Studium bekleidet er ab 1880 den Posten des Amtsrichters in Ruhrort. Kurz darauf heiratet er Alma Haniel. So wird er zum rechtlichen Interessenvertreter der Familie. Der Name Carp bleibt den Ruhrortern lange Zeit ein Begriff, da er sich zum Beispiel mit der Errichtung einer Schule und einer Badeanstalt (heute das Museum der Deutschen Binnenschifffahrt) sozial engagiert. Noch heute ist er Namensgeber für die Carp-Straße und -Schule. Bis 1905 lebt er selbst in Ruhrort – als letzter Angehöriger der Familie Haniel. Dann zieht er mit seiner Frau nach Düsseldorf. Carp stirbt am 3. August 1924 auf Haus Steinbach bei Arloff in der Eifel.

Neben seiner Tätigkeit für das Familienunternehmen zog sein Wirken auch in anderen Bereichen weite Kreise: Er war Mitglied und Präsident der Ruhrorter Handelskammer, gründete und leitete die Schifferbörse und war Vorstand zahlreicher Zechen. Ferner hielt er Positionen in mehreren Aufsichtsräten, kleineren Gremien und der Kommunalpolitik.

Kurz nach der Jahrhundertwende kamen die Veränderungen der Zeit auch bei Haniel an. Nur mehr ein guter Name und altbekannte Praktiken des Kaufmanns reichten nicht mehr zum Erfolg. Recht plötzlich waren neue Strategien gefragt: Hatte Haniel zwar als Marktführer im Bereich der Transportschifffahrt für Kohle eine gute Position inne, modernisierte sich die Konkurrenz jedoch strukturell etwas schneller. Unter dem Dach des Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikats (RWKS) vereinigten sich Ende des 19. Jahrhunderts über 90 Prozent der Zechen des Ruhrreviers. Auch die Haniel-Zechen schlossen sich dem Verbund an. Das RWKS schützte die Unternehmen durch die Vorgabe von Fördermengen und Marktpreisen vor einem Preisverfall. Denn die Montanunternehmen hätten spielend mehr Steinkohle fördern können. Haniels Konkurrenz ordnete ihre Vertriebswege den eigenen Zechen unter und genoss so die Marktvorteile der Interessengemeinschaft und des Kohlenkontors, welches als Teil des RWKS die Transportaufträge vergab. Währenddessen liefen bei Haniel die Förderung und der Vertrieb weiterhin getrennt voneinander ab. Die Franz Haniel & Co. OHG als Speditionsunternehmen hatte strukturell keine Verbindung zu den familieneigenen Zechen, während die Konkurrenz die Transportgesellschaften längst als Tochterunternehmen der Zechen etabliert hatten und so dem RWKS näherstanden.  Dem Unternehmen Haniel drohte ein enormer Wettbewerbsnachteil. Die Strukturen mussten der neuen Situation schnellstens angepasst werden.

Tradition versus Erneuerung

Sowohl das damalige Familienoberhaupt Franz Haniel der Jüngere (1842-1916) als auch Eduard Carp hatten das Problem erkannt: „Ohne Wandel kann Haniel nicht wettbewerbsfähig bleiben. Wir müssen unsere Unternehmensstruktur neu denken.“ Doch als Erbe sah Franz Haniel der Jüngere sich verpflichtet, das Werk seines Vaters und Großvaters würdig fortzuführen und zögerte, eine so tiefgreifende Veränderung umzusetzen. Noch überwogen Tradition und Pflichtbewusstsein den Wunsch nach Veränderung.

Auf der anderen Seite vertrat Eduard Carp die Position, das Unternehmen neu zu ordnen. Er wollte die Franz Haniel & Co. OHG als Transportgesellschaft den familieneigenen Zechen Neumühl, Zollverein und Rheinpreußen unterordnen. So hatten es die anderen Montanunternehmen bereits vorgemacht.  Viele Familienmitglieder unterstützten seinen Vorschlag, aber erst nach dem Tod von Franz Haniel dem Jüngeren im Jahr 1916 kam es letztendlich zur Umsetzung. Auf Empfehlung des Vorstands des Actienvereins für Bergbau und Hüttenbetrieb, Gutehoffnungshütte (GHH), Paul Reusch (1868-1956), kam Johann Wilhelm Welker (1870-1962) ins Unternehmen. Er wurde 1917 Generaldirektor der neugeschaffenen Franz Haniel & Cie. GmbH (ehemals Franz Haniel & Co. OHG) und war damit die erste Person, die nicht aus der Familie stammte und das Unternehmen führte. Die Trennung von Kapital und Management, welche das Unternehmen bis heute beibehalten hat, war vollzogen. Welker stieg durch seine langjährige und erfolgreiche Unternehmensführung in turbulenten Zeiten (1917-1944) zu einer der prominentesten Figuren in der Haniel-Geschichte auf.

Die Ära Carp wird in der Haniel-Historie etwas von der starken Position Welkers überschattet. Dabei lieferte eigentlich er als Erster Expertise von außen und gab den initialen Anstoß, das Unternehmen ins 20. Jahrhundert zu überführen. Er hat die Idee des notwendigen Wandels früh erkannt, umgesetzt und Welker hat die neue Struktur mit Erfolg gefüllt. Als ein Wegbereiter der Moderne trägt Eduard Carp einen wichtigen Teil dazu bei, dass Haniel im 20. Jahrhundert so erfolgreich war und dass das Unternehmen nun bereits seit 264 Jahren in Ruhrort beheimatet ist.